Die Wurzeln des Wahnsinns – ein Film von und über Uli Tilgner
Ein schonungsloses Dokument, das aufzeigt, wie eng die endlosen Kriege des Westens mit der Migrationskrise in Europa zusammenhängen.
Warum werden so viele Menschen zu Flüchtlingen? Der Film «The Roots of Madness» des legendären SRF-Korrespondenten Ulrich Tilgner und des Schweizer Filmemachers Edgar Hagen nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise durch Afghanistan, den Irak, Syrien und Niger – allesamt Länder, die für die meisten in weiter Ferne liegen. Es sind Länder, die durch militärische Interventionen westlicher Länder – in erster Linie der USA – verwüstet wurden. «Die Flüchtlingskrise bei uns steht in direktem Zusammenhang mit der Zerstörung, die unsere Kriege in den Heimatländern der Migranten gebracht hat», sagt Ulrich Tilgner ruhig und bestimmt. Sein erstes schonungsloses Fazit lautet: Gäbe es keine westliche Einmischung in den Heimatländern der Migranten, in denen der Krieg seither nie endet, gäbe es bei uns auch keine Migration.
Ein tief bewegendes Zeitzeugnis
Auf der Bühne des Théâtre de Marens in Nyon, wo «The roots of Madness» am 19. April seine Weltpremiere feiert, wirkt Ulrich Tilgner auf mich für einen kurzen Moment wie jener Kollege aus alten Zeiten, der Zweifel an seinen journalistischen Erkenntnissen nicht wirklich duldete. «Ich bin fest davon überzeugt, dass der wachsende Rassismus in unseren Ländern nur überwunden werden kann, wenn wir verstehen, warum diese Menschen flüchten, und wie tief wir selbst an der Entstehung der Konflikte beteiligt sind», fügt er hinzu.
Der ehemalige SRF-Korrespondent und der Filmemacher unternahmen 2023 gemeinsam eine Reise in jene Länder, über die der Journalist seit den 1990er Jahren regelmässig berichtet hatte. «Ich habe Ulrich Tilgner tief bewundert», sagt Edgar Hagen im Gespräch. Mit seinem Film wollte er verhindern, dass Tilgners wertvolle, 40-jährige Erfahrung in Vergessenheit gerate. Diese Reise ermöglichte dem pensionierten Reporter jedenfalls, alte Bekannte wieder zu treffen, und dem Filmemacher, diese Treffen mit seiner sensiblen Kameraführung festzuhalten. Edgar Hagen, der ursprünglich Philosophie und Literatur studierte, war wohl die unermüdliche treibende Kraft des Projekts. Entstanden ist ein tief bewegendes Zeitzeugnis.
Kriege ohne Ende
Die Reise der beiden beginnt in Afghanistan, dem die USA im Oktober 2001 den Krieg erklärten. Dieser Krieg war Washingtons Rache für den Terroranschlag der Al-Qaida am 11. September 2001 gegen das World Trade Center. Die westliche Militärallianz unter der Führung der USA hatte laut den eigenen offiziellen Erklärungen klare Ziele vor Augen. Diese waren:
a) die Extremisten der Al-Qaida zu vernichten,
b) die regierenden Taliban zu stürzen, und
c) den von den Taliban unterdrückten Frauen und Zivilisten zu mehr Rechten zu verhelfen.
Zwanzig Jahre später zog sich die westliche Allianz panikartig zurück. Obwohl Unmengen an Geldern pulverisiert wurden, sind die Menschen in Afghanistan heute ärmer, ihr Land weitgehend zerstört und die Taliban zurück an der Macht. «Die afghanischen Frauen sind den Repressionen der Taliban noch schutzloser ausgeliefert als zuvor», sagt im Film eine Frauenrechtlerin, eine alte Bekannte Ulrich Tilgners, verzweifelt.
Die Reise führt die Zuschauerinnen im «Théâtre de Marens» weiter nach Bagdad. Die Reportagen aus Bagdad gleich nach dem Einmarsch der US-Truppen in der irakischen Hauptstadt 2003 machten Ulrich Tilgner zu einem der populärsten Journalisten des Schweizer Publikums. Zu dieser Zeit begann er, hauptsächlich für das Schweizer Fernsehen zu arbeiten. Fortan nennt er sich bloss «Uli», «Uli für meine Freunde».
Der zweite Krieg der USA und ihrer westlichen Alliierten gegen den irakischen Tyrannen Saddam Hussein begann 2003 bekanntlich mit einer «grossen Lüge». Saddam Hussein würde über atomare Waffen verfügen, behaupteten damals Washington und London.
Eindrücklich zeigt der Film, wie zunächst unbeabsichtigte Provokationen der US-Truppen in der irakischen Stadt Falludscha die erste Zelle des irakischen Widerstands gegen die amerikanische Besatzung entstehen liessen und wie dann die demütigenden Foltern im berüchtigten amerikanischen Gefängnis Abu Ghraib zur Geburt des Islamischen Staats (IS) beitrugen. Der IS stürzte seinerseits Anfang der 2000er Jahre den Irak und Syrien in ein blutiges Chaos.
Der Krieg der USA gegen den Irak hat mittlerweile über eine Million Menschen das Leben gekostet und die Lebensgrundlage für weitere Millionen von Menschen vernichtet. Aus diesem Grund wagen Hunderttausende den Weg nach Westeuropa. Viele von ihnen überleben die Reise nicht.
Kein «traditioneller Linker»
Im Gebiet, über das Uli Tilgner seit 1987 berichtet hatte, wiederholen die USA, offenbar beständig, denselben Fehler: Aus der arroganten Gewissheit heraus, dass ihre militärische Überlegenheit ihnen einen schnellen Sieg über ihre vermeintlich schwächeren Gegner bescheren würde, treten sie unbedacht immer wieder neu militärisches Abenteuer los. Anstatt des erhofften, schnellen Siegs arten diese militärischen Interventionen jedoch in endlose Kriege aus, die den betroffenen Staaten und Menschen nur unsägliches Leid bringen. Sollten folglich die USA und Europa sich von diesen Ländern fernhalten?
Ulrich Tilgner, 1948 in Bremen geboren, entspricht nicht dem typischen Schema der «traditionellen Linken» seiner Generation. Er hasst die Amerikaner nicht. «Die USA haben meine Heimat vom Faschismus befreit und den Bürgerinnen des europäischen Kontinents ein würdevolles Leben in Freiheit ermöglicht», sagt er kategorisch. Die Menschen im Nahen Osten heute wünschen keine importierten Kriege aus dem Westen und keine brutalen einheimischen Herrscher, sondern lechzen, wie Europa in den 1940er Jahren, nach Demokratie, nach Respekt ihrer Identität und nach einem Rechtsstaat. Das ist sein Credo.
Als Uli Tilgner 2023 die Kurden von Rojava besuchte, die ihm zufolge sehr nahestehen, wünschte er sich, dass zumindest die EU ihrem Anspruch auf westliche Prinzipien treu bleiben und die Kurden in ihren Bemühungen weiterhin unterstützen würde. Als engste Alliierte des Westens hatten die Kurden von Rojava schliesslich in Syrien die Dschihadisten des Islamischen Staats jahrelang bekämpft und 2019 auch besiegt. In einer Region, in der islamistische Bewegungen die Oberhand gewannen, versuchten die Kurden in Rojava westliche Werte, wie Demokratie, Minderheitenrechte und Geschlechtergleichheit so gut wie möglich umzusetzen.
Vermutlich war es Uli Tilgners Glück, dass er nicht aus nächster Nähe miterleben musste, wie die USA im Januar 2026 wohl in Einklang mit der EU die Kurden einmal mehr verraten würden. Glücklicherweise musste er auch nicht selbst darüber berichten, dass sich die Regierung unter Donald Trump daran machte, denselben Fehler wie 2001 in Afghanistan und 2003 im Irak nun im Jahr 2026 auch im Iran zu wiederholen.
Der Film «The Roots of Madness» wurde im Théâtre de Marens in Nyon mit langer stehender Ovation begrüsst – zu Recht.
PS: «The Roots of Madness» ist zweifelsohne ein wichtiges Zeitzeugnis. Es wäre deshalb sinnvoll, diesen Film auch in anderen Schweizer Sälen/Kinos aufzuführen.